Die Waldorfpädagogik - Erziehung mit Menschenkenntnis

Waldorfpädagogik - Schüler an einer Waldorfschule

In fast jeder größeren Stadt in Deutschland gibt es heute eine Waldorfschule. Weltweit existieren über 1000 Schulen, 234 davon in Deutschland. Der Spaziergänger erkennt die Gebäude unmittelbar an ihrer ungewöhnlichen Architektur: die berühmten „runden“ Ecken, also der Verzicht auf rechtwinklige Bauweise, die schon im Grundriss keine quaderförmigen Räume vorsieht, die auch die Mauern nach oben zum Dach hin meist in einer schrägen Linie enden lässt und die sogar in der Fenstergestaltung schiefe Winkel und mehr oder weniger gleichmäßige Rundungen und insgesamt viele Unregelmäßigkeiten kennt. Die Waldorfpädagogik will nicht, dass die Menschen nur „rechtwinklig denken“, also ein Denken in quaderförmigen Abteilungen. So soll die Umgebung, mithin die Architektur, dies auch nicht provozieren.

Waldorfpädagogik, das hat heute nach wie vor einen etwas weltfremden, vergeistigten Klang. Ihr Begründer, Rudolf Steiner (1861-1925), gilt mit seiner „anthroposophischen“ Lehre noch heute vielen oft als fragwürdige Gestalt. Inzwischen, nachdem die Erfolge der Schulen unbestreitbar sind, tut zwar kaum noch jemand diese Pädagogik als Spinnerei und Esoterik ab.

Dennoch lässt die philosophische und vielfach unverständliche Grundorientierung, das etwas verstiegen-elitäre Bewusstsein, das trotz aller Dementis oft in Anthroposophen-Zirkeln durchscheint, viele Eltern zurück schrecken.

Man muss aber kein Anthroposoph sein, um seine Kinder auf die Waldorfschule zu schicken. Die Schüler werden dort auch nicht zu Anthroposophen gebildet! Das betonen die Vertreter der Waldorfpädagogik immer wieder. Und das stimmt. Gerade auch derjenige kann seine Kinder guten Gewissens dort anmelden, der in erster Linie jene Vorzüge dieser Schulen sucht, die auch ohne den anthroposophischen Hintergrund einleuchten und für sich sprechen.

Die anthroposophische Karriere eines Kindes kann, nach der Geburt im anthroposophischen Krankenhaus und der Betreuung durch einen anthroposophischen Kinderarzt, bereits im Waldorfkindergarten beginnen, der den meisten Schulen angegliedert ist. Die Schule selbst bietet dann in der Regel die komplette Reihe der Klassen, die man analog zur Regelschule mit Hauptschulabschluss, mittlerer Reife und auch dem Abitur abschließen kann. Von Anfang an waren die Waldorfschulen Gesamtschulen, noch vor Ausbruch der politikbestimmten „Gesamtschulkriege“, ohne je Probleme mit den unterschiedlichen Schulabgängen und Abschlüssen zu haben. Inzwischen gibt es mehrere Schulen, die als Modell eine parallel zum Schulbesuch stattfindende berufspraktische Ausbildung anbieten.

Die Waldorfpädagogen erwarten von den Eltern der von ihnen betreuten Kinder, dass sich auch das häusliche Familienleben in gewissen Momenten nach den Leitideen ihrer Arbeit ausrichtet. Diese Forderung ist durchaus nachvollziehbar und schlüssig. Man will nicht während der vormittäglichen schulischen Betreuung ein differenziertes Gewebe anthroposophischer Erziehungskunst entfalten, wenn solche Bemühungen dann durch eine unreflektierte und unter Umständen gegenwirkende häusliche Erziehung zunichte gemacht werden. Eltern müssen sich hier aber die Frage stellen, inwieweit sie ihrer Lebensweise eine solche anthroposophische Tendenz verleihen wollen oder können.

Konkrete Forderungen der Waldorfpädagogik lauten etwa so: Die Kinder sollten keinem Fernsehkonsum ausgesetzt sein. Die Eltern müssen es aushalten können, wenn ihre Kinder weniger schnell als auf der Regelschule das Lesen und Schreiben lernen. Die Eltern sollten sich mit den fundamentalen, ihre Kinder betreffenden entwicklungspsychologischen Tatsachen aus anthroposophischer Sicht vertraut machen, um die Kinder wirklich zu verstehen und um ein angemessenes Erziehungsverhalten realisieren zu können. (Das ist nicht so schwer, wie es sich jetzt vielleicht anhört; die Schule leistet das, etwa bei Elternabenden, Hausbesuchen oder mit kleinen kurzen und gut verständlichen Schriften.) Hausbesuche der Lehrer sind bei Waldorfschulen durchaus üblich. Auch wird von den Eltern erwartet, regelmäßig zu den häufigen Elternabenden zu kommen und sich zum Teil auch aktiv an den diversen schulischen Veranstaltungen zu beteiligen. Für viele sicher nicht unwichtig: Es findet jeden Samstag Unterricht statt.

Man muss kein Anthroposoph sein, doch man sollte ein gewisses Bewusstsein für die eigene Art und Weise des Lebens zu erlangen suchen. Entscheidend ist die Waldorfpädagogische-Einstellung, die man den Kindern und seiner eigenen Lebensweise gegenüber einzunehmen bereit ist. Der Schulbesuch scheitert nicht an Details, etwa wenn in der hintersten Ecke der Wohnung doch ein Fernseher steht, an dem Vater nächtliche Sportereignisse verfolgt – oder an der prinzipiellen Maxime, dass die Kinder keinen Fußball spielen sollen, weil sie zu früh in die körperliche Schwere kommen.

Was geschieht konkret im Unterricht einer Waldorfschule?

Wer sich diese Frage durch eigene Anschauung, also durch Hospitation in einer Schule, beantworten will, stößt auf massive Abwehr. Keine gute Schule kann hinnehmen, dass massenweise Besucherströme durch ihre Räume wandern. Das stört den Unterricht, nicht nur vordergründig, sondern auch in der ganzen pädagogischen Atmosphäre. Zudem werden die Kinder in eine „Zoosituation“ degradiert.

Was im Unterricht und bei der Waldorfpädagogik konkret geschieht, wirkt auf unvorbereitete Beobachter zum Teil befremdlich. Die Begründungen, die man dazu geben kann, sind oft nur im Kontext der Anthroposophie Steiners zu verstehen. Und im Übrigen ist es bei jeder qualitätsvollen pädagogischen Arbeit so, dass das Entscheidende für den ungeübten Zuschauer unsichtbar bleibt.

Einige zentrale Merkmale der Waldorfschulen und der Waldorfpädagogik

Waldorfpädagogik ist freilich mehr, als diese drei Schlaglichter auf Unterrichtsausschnitte mitteilen. Die entscheidende Bedeutung messen die Anthroposophen den eher indirekten Dauerwirkungen zu, die das gesamte, von ihnen hergestellte pädagogische Feld ausstrahlt: die Architektur und Raumgestaltung, die Korrespondenz von Lernstoff und psychologischer Entwicklung, die vielen besonderen Übungen, Handwerkstätigkeiten, musischen und ausdruckhaften Erfahrungen, die dauerhafte Beziehung zu einem Lehrer, der sich auch selbst immer wieder zu verstehen und zu verändern sucht, der Geist von Freiheit und Selbstverantwortung, der die Schule durchzieht.

Die Waldorfschulen weisen so eine Vielzahl von typischen Merkmalen auf die sie vor Regel- und anderen Modellschulen auszeichnen:

Der Epochenunterricht

Die drei soeben vorgestellten Beispiele entstammen dieser Lernform. In der Zeit von acht bis zehn Uhr wird, neben den einleitenden Übungen, ein einzelnes Fach bzw. Thema über drei bis vier Wochen lang täglich behandelt.

Der Vorteil der Waldorfpädagogik: In die Problematik und die Grundfragen zu diesem Gebiet kann wirklich eingedrungen werden, der Lernstoff wird nicht, wie in der Regelschule, in 45-Minuten-Häppchen zerteilt. Der Nachteil: Versäumt ein Kind eine Epoche etwa durch Krankheit, fehlen ihm Erfahrungen, die auch durch Nachbüffeln nur unvollkommen hergestellt werden können.

Das Klassenlehrersystem

Dieser Epochenunterricht wird stets vom Klassenlehrer gegeben. Wenn er die Klasse im ersten Schuljahr übernimmt, bedeutet das für ihn und für die Kinder den Beginn einer achtjährigen Beziehung. Er wird in der Regel diese Klasse bis zum achten Schuljahr einschließlich Führen. Er wird die Kinder kennen und verstehen lernen, wie es Pädagogen sonst nicht möglich ist. Er hat die Chance, ein tiefes Vertrauensverhältnis zu den Kindern und späteren Jugendlichen aufzubauen. Die Vorteile liegen auf der Hand.

Der Nachteil: Es gibt immer wieder Fälle, dass zwei Menschen einfach nicht miteinander auskommen können.

Der Waldorfklassenlehrer ist und bleibt jedoch für das Kind gewissermaßen „Schicksal“. Das führt in seltenen Fällen dazu, dass Kinder die Waldorfschule vorzeitig verlassen.

Die Tagesphasen

Auf den frühmorgendlichen Epochenunterricht folgt der Sprachunterricht. Ihn gibt es, wie an Regelschulen üblich, regelmäßig drei bis vier Stunden die Woche. Daran schließen sich dann Fächer an, wie Turnen, Eurythmie, Handwerk, Handarbeit, eventuell Gartenbau oder Technologie. Grund für diese tägliche und für alle Klassen gleiche Abfolge der Lernarbeit ist die These Steiners, dass die Schüler stets zuerst denkend-vorstellend, dann sprechend-übend und schließlich praktisch-künstlerisch arbeiten sollen, weil dies dem menschlichen Lebensrhythmus (heute hätte man sicher modisch gesagt: Biorhythmus) entspricht.

Der künstlerische und handwerkliche Unterricht als Teil der Waldorfpädagogik

Die Waldorfschulen betonen dies nicht etwa, indem in diesem Bereich einfach ein paar Stunden mehr gegeben werden als anderswo. Das künstlerische und handwerkliche Tun verleiht dem gesamten Schulgeschehen schon eine andere Dimension, indem es sich durch jegliche Aktivitäten zieht. Die Kinder sollen nicht nur einfach ein bisschen kreativer und künstlerisch geschickter werden, sie sollen ihr gesamtes Handeln auch in seiner geistigen, über das Nützliche hinausweisenden Komponente begreifen lernen. In einer Erziehung zu wirklicher Freiheit, zu Selbständigkeit, nicht zu Beliebigkeit, spielt das Schöpferische eine überragende Rolle. Wer frei und selbständig sein will, der muss wissen, was er überhaupt will, der muss Vorstellungen haben, der muss einen Willen, einen „Willen zum Wollen“ besitzen.

Ob es das Violinspiel ist oder eine handwerkliche Arbeit; was gelernt wird, ist Kontrolle des eigenen Tuns. Im Künstlerischen wie auch im Handwerklichen findet eine Willensbildung statt.

So entwickelt sich ein Kind - nach Meinung der Waldorfpädagogen

Die für unsere heutigen Ohren geschraubte und umständliche Sprache Steiners macht das Verständnis dem Interessenten schwer - umso mehr, als viele Anthroposophen sich noch heute nicht davon gelöst haben. Wenig kann man darum zunächst mit den Metaphern der drei grundlegenden Entwicklungsschritte anfangen, den drei von Steiner so bezeichneten „Geburten“ des Kindes: die Geburt des physischen Leibes, die Geburt des Bildekräfte-Leibes etwa mit dem siebten Lebensjahr und die Geburt des Empfındungsleibes etwa mit dem vierzehnten Lebensjahr. Jede dieser „Geburten“ bedeutet das Freiwerden von bestimmten Kräften und Fähigkeiten, je einer neuen Dimension, die der Heranwachsende dann im Umgang mit sich und mit der Welt erfahren und umsetzen kann.

Der physische Leib

Das Neugeborene und Kleinkind bildet in seinen ersten sechs Lebensjahren vor allem seinen physischen Leib aus. Die Organe, insbesondere das Nervensystem und das Gehirn, entwickeln sich. Seine Beziehungen zu anderen und sein Lernen wird vor allem durch das Element der Nachahmung bestimmt. Es nimmt seine Umgebung unmittelbar sinnlich wahr und ahmt sie nach die Spielzeugpuppe, das Sprechen der Eltern, das Flugzeuggeräusch, die Bewegungen des Baggers. Das Kind bildet auch ganz einfache und gefühlshaft erlebbare Begriffe (z.B. Purzelbaum für einen umgestürzten Baum). Man kann ihm eigentlich nichts erklären. Was in diesem Lebensalter erzieherisch wirkt, ist das Vorbild des Erwachsenen, nicht seine etwaigen Vorträge.

Entsprechend ist die Erziehung im Waldorfkindergarten aufgebaut: Keine verfrühenden, vorgreifenden didaktischen Konzeptionen werden da aufgezwungen, die Erzieher wirken unmittelbar durch ihr nachahmbares Handeln. Sie bieten Spielmaterial an, das viel für die Phantasie offen lässt. Sie führen auf dem Weg des Vor- und Nachmachens zahlreiche Tätigkeiten mit den Kindern durch, wobei alles Lernen auf dem Prinzip der Anschauung beruht.

Sie vermeiden dagegen Anforderungen an die Kinder, die auf Leistungen wie selbständiges Vorstellen, Vergleichen und so weiter abheben. Darin sehen sie, da es den eigentlichen Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder nicht entspricht, eine Dressur. Eine Dressur, die auch politisch gefährlich ist, weil die Kinder womöglich lernen, auf Dressur zu reagieren. Glöckler und Göbel warnen aus ärztlicher Sicht vor den möglichen Ursachen „Altklugheit, Argumentier-Sucht, Manieriertheiten. Lustlosigkeiten, Willens- und Leistungsschwäche, Nervosität, motorische Unruhe.“

Der Bildekräfte-Leib

Äußerlich kann die Veränderung, die mit dem Kind im siebten Lebensjahr vor sich geht, am ehesten am Zahnwechsel erkannt werden. Entscheidender ist aber, dass das Kind jetzt Fähig wird, eine andere Art von Phantasietätigkeit, ein anderes Vorstellungsvermögen und eine Suche nach Regeln und Verständnisweisen der Welt hervorzubringen. Die Phantasie des Kleinkindes entzündet sich an Dingen, die es jetzt gerade sieht, hört, riecht usw. Ab dem siebten Lebensjahr kann das Kind seine Phantasien und Vorstellungen dagegen frei führen, sie also willentlich wachrufen. Es kann sie deutlich von der realen Außenwelt unterscheiden, für die es jetzt ein ausgeprägtes Interesse entwickelt. Es sucht die Regeln, die dort gelten, das Wesen der Dinge, das Objektive an ihnen. Die „Bildekräfte“ im Kind, die zuvor am Aufbau des Körpers und seiner grundlegenden Struktur gewirkt haben, werden jetzt frei, um sich der Ausformung der Intelligenz, des Lernens, des Vorstellungsvermögens zu widmen.

Das Kind sucht in dieser Lebensphase im Erwachsenen durchaus die Autorität. Es nimmt ihn als jemanden wahr, der den Umgang mit der Welt und ihren Regeln beherrscht, der urteilssicher ist - und es will diese Sicherheit auch für sich gewinnen.

Es spürt, dass es sie selbst noch nicht besitzt. Es entwickelt in diesem Alter ein ausgeprägtes Moralempfınden. Der Entwicklungspsychologe Piaget nannte es einen „moralischen Realismus“, der sein Urteil unmittelbar und streng aus den geltenden Regeln ableitet.

Der Unterricht für diese Altersphase ist sehr anschaulich, am Bildhaften orientiert und gewinnt die von den Kindern gesuchte Regel am Konkreten, Fasslichen und sinnlich Erfahrbaren. Das Erlernen der Buchstaben erfolgt über Bilder, die den entsprechenden Laut charakterisieren. Das Bruchrechnen beginnt der Lehrer heute, indem er krachend einen mitgebrachten Stab vor der Klasse zerbricht. Starre Definitionen und Abstraktionen werden hier noch vermieden. Fremdsprachen lernt das Kind fast spielend in der Waldorfpädagogik, durch seinen Aktivitätsdrang und mittels des zu dieser Zeit ständig schnell zunehmenden Gedächtnisses.

Der Empfindungsleib

Ab dem - vierzehten Lebensjahr sucht der Jugendliche zu den Erwachsenen Distanz - eine Phase, die für viele Eltern und auch Pädagogen nur schwer auszuhalten ist. Im Heranwachsenden entwickelt sich die Denkfähigkeit des Erwachsenen. Es ist die Zeit, in der erstmals auch abstrakte Begriffe wie „Demokratie“, „Weltanschauung“ gedacht und verstanden werden können. Das Interesse ist meist auch wissenschaftlich-technisch orientiert.

Entscheidender und für die Erwachsenen problematischer ist jedoch, dass die Jugendlichen ihre autonome Persönlichkeit entwickeln, indem sie sich zurückziehen, die Eltern auf ihre politischen Anschauungen hin prüfen, Idole entwickeln, sich zu bestimmten Ideologien hingezogen fühlen, es befreiend finden, dass es mehrere gibt. Die Persönlichkeit des jungen Erwachsenen fındet sich. Er will auf jeden Fall selbst Urteile bilden, ja, er sucht die Auseinandersetzung, um seinen eigenen Standort zu bestimmen.

Das Klassenlehrersystem in der Waldorfpädagogik weicht zu Beginn dieser Entwicklungsphase dem Fachlehrersystem. Derjenige Erwachsene wird respektiert, der auf seinem Gebiet etwas kann und dafür zu begeistern versteht. Die gleichsam „natürliche“ Autorität des Klassenlehrers, die er - vereinfacht gesagt - durch seine Urteilsfähigkeit besaß, gilt jetzt nichts mehr. Der Unterricht zeigt sich in den Klassen 9-12 so durchaus wissenschaftsorientiert. Der Lehrer ordnet den Stoff und hilft bei seinem Erfassen. Er schafft die Voraussetzungen, damit die Jugendlichen sich Urteile bilden können. Eine große Rolle spielen jetzt Reisen, Praktika in verschiedenen Arbeitsfeldern, Sozialarbeit, das Einarbeiten in größere Wissensgebiete - mithin alles, was die geistige Entwicklung anregt und fördert und selbständige Denk- und Wertungsprozesse in Gang setzt.

Diese kurze Darstellung bietet freilich nur ein Grobraster. Steiner und seine Schüler haben diese Zusammenhänge sehr differenziert ausgearbeitet, und für den Unterricht der Waldorfschule Lehrpläne erstellt, die die Abfolge des Lernstoffes und z.B. auch die Reihenfolge der Epochen genau festlegen - in, so die Anthroposophen, stringenter Entsprechung zu der seelischen Entwicklung der Heranwachsenden.

Man kann die Waldorfpädagogik sehr leicht missverstehen. Dann nämlich, wenn man das, was im Unterricht geschieht, nicht vor diesem entwicklungspsychologischen Hintergrund und dem Aspekt transzendentaler Erfahrungsfähigkeit sieht. Die Waldorfpädagogen leben gegenüber Außenstehenden in der ständigen Furcht, dass ihr Handeln eigentlich nur befremdlich gefunden wird, scheinbar sinnlos, weil das Entscheidende, das unsichtbar bleibt, nicht wahrgenommen wird. Zu oft hat sich bis heute Kritik an solchen Äußerlichkeiten festgebissen. Dies ist für beide Seiten fatal. Eine solche Kritik erweist sich eigentlich nur als blind gegenüber der tatsächlichen Idee und den tatsächlichen pädagogischen Prozessen. Die Waldorfpädagogen haben nichts von solcher Kritik. Es wirft sie sogar zurück, weil sie sich verschließen, von den von außen kommenden Anregungen gar nichts mehr halten und nur noch intern kommunizieren. Dabei ist die anthroposophische Pädagogik so verdienstvoll und so ernst zu nehmen, dass sich das Herstellen von Bezügen zu anderen Denkrichtungen unbedingt lohnen würde. Das Eingeständnis einer Verbesserungsfähigkeit der Waldorfschulen müsste für die Anthroposophen eigentlich nichts derart Bedrohliches mehr annehmen.

Ob dieses doch recht merkwürdige beziehungslose Nebeneinander von anthroposophischer Lebensweise und dem Rest der Welt tatsächlich ihre Wurzeln in der Persönlichkeit Rudolf Steiners hat, kann jedoch nur eine gründliche Bekanntschaft mit seinen Anschauungen und ein unvoreingenommenes Studium seiner schriftlichen Werke erkennen lassen. Dabei ist es übrigens unumgänglich, zwischen mitgeschriebenen Vorträgen, die sich in bestimmter Zeit an bestimmte Zuhörer richteten, und den von ihm selbst publizierten Schriften zu unterscheiden.

Die Waldorfpädagogik - Bewertung aus pädagogischer Sicht

Der „Boom“ der Waldorfpädagogik spricht für sich. Immer mehr Eltern suchen nach Alternativen zur Regelschule und erleben, obwohl sie Steiner und seine Anthroposophie nicht kennen, die Waldorfschulen als seriöse und historisch gewachsene Form. Ihre Lehrer wirken erfahren, kompetent und als Pädagogen, die recht genau wissen, was sie wollen. Wer akzeptiert, dass seine Kinder - als nur logische Konsequenz des Fortfalls von äußerem Lernzwang - die Kulturtechniken langsamer lernen und dass die Schulabschluss-Frage in formaler Hinsicht nicht so völlig problemlos ist wie an einer Regelschule, der kann als Vater oder Mutter mit der Waldorfschule gut leben. Die Kinder können es ohnehin.

Ich will diese pauschale Einschätzung gleichwohl differenzieren und eine Bewertung aus erziehungswissenschaftlicher Sicht anfügen. Dabei sollen wieder die spezifischen Vor- und Nachteile deutlich werden, die die Waldorfschulen im Vergleich zu anderen Modell- und Regelschulen aufweisen.

Vorteile der Waldorfpädagogik

Das stressfreie Aufwachsen

Stress, das ist nicht nur eine Zeiterscheinung, sondern auch ein Modewort. Eine stressfreie Schule, das heißt für die Waldorfpädagogen aber ganz konkret, dass Angst kein Erziehungs- oder Motivationsmittel ist, dass die Kinder gerne zur Schule gehen sollen und dass nicht ganze Familien unter Versetzungs- und Zensurensorgen leiden sollen. Die Waldorfschule spielt im Leben ihrer Schüler keine angstauslösende oder seelisch belastende Rolle. Die Schulfreude, mit der „I-Dötzchen“, also Erstklässler gewöhnlich ihren Grundschullehrern begegnen, bleibt bis in die hohen Klassen hinein erhalten. Auch die Jugendlichen haben - in der Regel - den Spaß am Lernen, Forschen und Wissen-Ansammeln nicht verloren.

Das Ernstnehmen der kindlichen Bedürfnisse

Ihren Anspruch, eine „Pädagogik vom Kinde aus“ zu betreiben, erfüllen die Waldorfpädagogen mit geradezu akribischer Gewissenhaftigkeit. Sie versuchen genauestens, den Entwicklungsstand und die Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes zu erkennen. Sie richten ihre pädagogischen Maßnahmen danach aus, und zwar sowohl im kleinen, den aktuellen Problemen des jeweiligen Kindes angepasst, als auch im großen, durch die Gesamtkonzeption der schulischen Strukturen und insbesondere des Waldorflehrplanes.

Die Integration von Behinderten und „schulschwierigen“ Kindern in der Waldorfpädagogik

Aus der praktischen Integration von behinderten Kindern erwächst den Waldorfschulen nie ein grandioses oder öffentlichkeitsträchtiges Schulmodell. Dies geschieht „einfach“, natürlich auf der Grundlage anthroposophischen Denkens und dazu mit einer guten Portion gesunden Menschenverstandes. Die notwendige Sorgfalt wird gleichwohl erbracht.

Der Lehrer jenes im obigen Beispiel vorkommenden blinden Kindes hat sich für dessen Unterrichtung eigens fortgebildet. Die Karriere so manchen Waldorf-Schülers begann im Übrigen auf der Regelschule, deren Besuch dann wegen Anpassungs- oder sonstiger Schwierigkeiten sowohl für die Schule als auch für die Familie des Kindes immer belastender wurde.

Künstlerische Erziehung und Persönlichkeitsbildung

Die Anthroposophen sehen die künstlerische Erziehung mit der Persönlichkeitsbildung in einem engen Zusammenhang. Sie werden, was die theoretische Durchdringung und die entsprechende Realisierung in der Schulpraxis angeht, in diesem Punkt von keiner anderen Schulart übertroffen - trotz der unten noch zu übenden Kritik. Anders als zum Beispiel die Landerziehungsheime, formulieren die Waldorfpädagogen ihre Ziele nicht in hochtrabenden Sonntagsreden. Aber was sie tun, ist genauestens durchdacht, auf die seelische Situation und die Bereitschaften des Heranwachsenden abgestimmt.

Handwerkliche und berufspraktische Ausbildung

Hier stehen die Waldorfschulen in einer Reihe mit verschiedenen großartigen Modellschulen, die entsprechende Integrationsformen erproben. Solide handwerkliche und berufspraktische Grundkenntnisse werden jedoch an jeder Waldorfschule vermittelt. Und dies nicht, weil solches zur Zeit mal gerade Mode ist, sondern stringent eingebettet in den Begründungs- und Gesamtzusammenhang anthroposophischer Entwicklungsgesetze und Lebensführung.

Architektur

So viel auch bis heute über eine pädagogisch zweckmäßige Schularchitektur nachgedacht und geschrieben wurde und so viel auch erprobt worden ist, mit ihren über 50 Jahre alten Bauprinzipien haben die Anthroposophen bis heute sicher eine der optimalsten Formen gefunden. Die Räume und Säle sind zum Teil Kunstwerke an sich, strahlen Wirkung, eine Aura aus und scheinen in der Tat das geistige und künstlerische Tätig sein des Menschen zu beleben.

Der Zusammenhang von Theorie und Praxis in der Waldorfpädagogik

Natürlich sind jedem Pädagogen Entwicklungsgesetze des Kindes bekannt. Die Entwicklungspsychologie hat als eigener Wissenschaftszweig diverse entsprechende Theorien hervorgebracht. Natürlich richten sich auch Lehrpläne und erzieherisches Handeln in den Regelschulen mehr oder weniger nach solchen Erkenntnissen. Die Klarheit und Konsequenz und auch die Kreativität, mit der an den Waldorfschulen die anthroposophische Entwicklungslehre in konkretes pädagogisches Tun umgesetzt wird, müssen jedoch geradezu als beispielgebend für einen stimmigen Theorie-Praxis-Bezug in erziehungswissenschaftlichen Arbeitszusammenhängen angesehen werden.

Die Qualität der Lehrerfortbildung in der Waldorfpädagogik

Es gibt inzwischen eigene Lehrerausbildungsinstitute, Fortbildungen von Regelschullehrern, natürlich auch von Waldorflehrern. Es gibt Tagungen, Kongresse, es gibt die wöchentliche Schulkonferenz, die auch pädagogisch-inhaltliche Fragen behandelt. Auch auf dem Gebiet der Lehrerbildung haben die Anthroposophen ein Niveau und eine Institutionalisierung erreicht, die alle anderen pädagogischen Ausrichtungen übertrifft. Der Waldorflehrer ist ein wirklicher Spezialist, der eine Vielzahl von Fertigkeiten beherrscht, die gerade das Typische des Waldorfschulalltags ausmachen.

Die Hierarchiefreiheit

Eine auf Autorität fixierte Haltung, oder eine Haltung zu menschlichem Miteinanderleben und -arbeiten, die auf Herrschaft verzichtet, bestimmt in einer Schule wesentlich das Gesamtklima mit. Der Umgang der Lehrer miteinander als gleichberechtigtes und leiterloses Kollegium wirkt indirekt auch auf den Umgang zwischen Lehrern und Schülern und der Schüler untereinander. In den Waldorfschulen kann so geistige Freiheit tatsächlich gelebt werden. Es zählt nicht, wer die Macht hat, es zählt, wer das bessere Argument hat.

Dabei fallen die Waldorfschulen nie in ein „antiautoritäres“ Alles oder Nichts; die Lehrer scheuen sich nicht, auch Autorität zu sein. Sie können besser als die Regelschulen und besser als die antiautoritären Erzieher mit dem Problem umgehen, dass sie in vielerlei Hinsicht kompetenter sind als die Kinder, dass diese aber mit gutem Recht zunehmend ihre Entscheidungsfähigkeit, Auseinandersetzungsstrategien und Selbstbestimmung ergreifen wollen.

Der Elternbezug in der Waldorfpädagogik

Es sind immer Eltern maßgeblich daran beteiligt, wenn eine Waldorfschule gegründet wird. Und dieser Umstand wirkt fort, obwohl die Eltern keinen unmittelbaren Einfluss auf pädagogische Grundfragen haben. Sie wirken mit im Rat der Schule, im Schulvereinsvorstand, in pädagogischen Arbeitskreisen oder bei Festvorbereitungen und Klassenfahrten.

Die Waldorfpädagogen interessieren sich mit erheblichem Zeiteinsatz für die Probleme der Kinder und der Familien.

Umgekehrt ist die Hilfe der Elternschaft bei vielen schulischen Fragen und Aktivitäten unerlässlich.