Montessoripädagogik - Die Montessori-Schulen und das selbsttätige Kind

Montessoripädagogik

Das Werk der italienischen Ärztin und Pädagogin Maria Montessori (1870-1952) ist heute in Deutschland kaum unbekannter als etwa die Waldorfschulen Steiners. Allerdings kennt man Montessoris Ansatz vor allem für den Bereich der Vorschule und allenfalls der Grundschule, während die Versuche, auch den Bereich der Sekundarstufe I oder gar den der gymnasialen Oberstufe nach ihren Vorschlägen auszurichten, nach wie vor in den Kinderschuhen stecken. Im Übrigen hat es die Italienerin in Deutschland nie besonders leicht gehabt. Nach einem letztlich irrelevanten Theorienstreit mit den Anhängern des deutschen „Volkserziehers“ Fröbel (1782-1852) um den Stellenwert des kindlichen Spiels machten ihr die Nazis, nachdem sie sich ihnen klar widersetzt hatte, den Garaus - ebenso wie Mussolini. Als ihre Nachkriegswahlheimat fand sie die Niederlande, wo die Montessoripädagogik heute eine herausragende Rolle spielt.

Insgesamt ist die internationale Verbreitung ihrer Ideen weitaus größer, als aufgrund ihrer Beachtung hierzulande vermutet werden könnte. Es ist die katholische Kirche mit den von ihr geprägten Erziehungseinrichtungen, die heute die wesentlichen Anbindungen und Realisierungen von Montessoris Pädagogik in deutschen Institutionen weiterträgt.
Für Eltern auf der Suche nach einer kindgerechten Schule ist die Montessoripädagogik vor allem dann interessant, wenn es, dem Kindesalter entsprechend, um den Vor- oder Grundschulbereich geht. Montessori in der Sekundarstufe 1 wird ohnehin kaum in Deutschland angeboten. Die Schulen weisen eine meist recht starke Bindung zum öffentlichen Schulsystem auf. Es gibt z. B. Zeugnisse und die normalen Verfahren der Schulabschlüsse. Sie sind oft Regelschulen mit Modellcharakter in öffentlicher Trägerschaft. Nicht selten findet als weitere pädagogische Besonderheit eine gemeinsame Betreuung von gesunden und behinderten Kindern statt, eine Integration, die beiden Gruppen ausgesprochen zugutekommt.

Obwohl die Schulen auch von evangelischen Kindern besucht werden können, ist schließlich die eindeutige katholische Ausrichtung der Institutionen hervorzuheben.

Die Schulen erweisen sich als sehr offene Einrichtungen, in denen es viel Leben, viel Ein und Aus gibt und in denen Hospitanten nur wenig zur Kenntnis genommen werden und so auch kaum stören.

Von der Methode zum Schulmodell

Was die geniale Italienerin Montessori entwarf, ist zunächst einmal eine Methode:
Wie kann man das Heranwachsen und Lernen behinderter wie gesunder Kinder optimal fördern?
Was daraus jeweils geworden ist, so zeigt sich heute, hängt von den betreffenden regionalen Gegebenheiten ab, von den besonderen Zielsetzungen, die die sich engagierenden Pädagogen verfolgen. Wo die Montessori-Kindergärten noch recht gut miteinander vergleichbar sind, zeigen sich in der Ausgestaltung der Schulen doch beachtliche Unterschiede.

Will man allgemeine Merkmale dieser Schulen herausstellen, so kann dies darum nur in einer gewissen Allgemeinheit erfolgen:

Die Grundorientierung am katholischen Glauben

Er wurde von Montessori als originaler Wesensbestandteil ihres inhaltlichen Konzepts vorgegeben. Die katholische Kirche trägt und prägt die Einrichtungen, wenngleich sie auch für andere Glaubensbekenntnisse offen stehen.

Das Vertrauen in die Kräfte des Kindes

Alle Maßnahmen werden bei der Montessoripädagogik vom Kinde her gedacht. Man lebt mit dem Optimismus, dass das Kind aus sich heraus bzw. nach einem göttlichen Bauplan weiß, was gut für es ist. Es wird sich entwickeln, wenn ihm eine entsprechende Umgebung zur Verfügung steht.

Die Selbständigkeit des Kindes

Entsprechend kann das Kind weitgehend selbständig sein. Es wählt Spielmaterialien bzw. in der Schule Lerninhalte, es erarbeitet sie selbst, es entscheidet selbst, wann und wo es sich Hilfe holt.

Die Zurückhaltung des Pädagogen

Sie folgt als logische Konsequenz aus diesem Verständnis. Er ist im besten Sinne bescheiden. Er maßt sich nicht an, stets besser als das Kind zu wissen, was gut für dieses ist.

Das Material

Am didaktischen Material vollzieht das Kind seine eigentliche Lernarbeit. In seiner Konzeption, seinem Einsatz, im Bereithalten des richtigen Materials für das richtige Kind zum richtigen Zeitpunkt besteht die Kunst der Montessoripädagogik.

Die altersgemischte Lerngruppe

Sie favorisiert Montessori, um dem Kind mehr soziale Erfahrungen zu verschaffen und um ihm durch die variablere Materialnutzung mehr Anregung zu ermöglichen.

Die Integration von Behinderten

Sie wird zwar längst nicht in allen Montessori-Einrichtungen praktiziert. Sie liegt aber nahe, da Montessori ihre Pädagogik aufgrund der Beschäftigung mit vernachlässigten, gestörten und behinderten Kindern entwickelte und die Anwendung bei normalen und gesunden Kindern erst in einem 2. Schritt erfolgte.
Als weiterer herausragender, wenn auch nicht so konkreter pädagogischer Impuls Montessoris ist ihr Engagement für den Frieden hervorzuheben. Zwar hat sie nie konkrete Vorschläge für eine „Friedenserziehung“ und „internationale Erziehung“ unterbreitet, unsere heutigen Richtlinien zur Friedenspädagogik erfuhren von ihr aber Anstöße, ebenso wie die Anerkennung der „Rechte des Kindes“ durch die Vereinten Nationen. Schließlich fanden ihre Appelle Eingang in die 1974 verabschiedete Erziehungskonzeption der UNESCO.
Manch einer gestaltete seine Montessoripädagogik gerade auch in diesem Sinne. Man führt Projekte durch zu Problemen der dritten Welt, geht entsprechende Schulpartnerschaften ein, organisiert Informationsveranstaltungen und Fundraising-Aktionen. Es gibt Friedenstage, Wettbewerbe, internationale Kontakte zu vielen europäischen und außereuropäischen Schulen sowie internationale Jugendtreffen und Sportfeste. Was Montessori „kosmische Erziehung“ genannt hat, realisiert sich hier in einem pädagogischen Handeln, das auf die menschlichen Bedürfnisse in ihrer Totalität abhebt, etwa auch auf Umweltschutz, Probleme der Berufsfindung, auf internationale Verständigung, Respektierung verschiedenartiger Kulturen und so weiter. Entsprechend nennt Schulleiter Gernot Scheid als pädagogische Ziele die Befähigung zum Handeln, zu einem globalen Verantwortungsgefühl und zum Verständnis von Frieden als Entwicklungsprozess.

Maria Montessori und ihre Grundidee

Als große Pädagogin hat sie heute ihren Namen, eigentlich jedoch begann sie als Ärztin. Das ist auch insofern bemerkenswert, als sie die erste Frau in Italien war, die ihre Einschreibung als Medizinstudentin durchsetzen konnte. Das war 1892. Das Studium, so hört man, wurde ihr erschwert. Doch sie setzte sich durch. 1896 absolvierte sie ihr Examen. Noch im selben Jahr wurde sie zum Feministinnen-Kongress nach Berlin eingeladen.
Immer kämpfte sie für die Rechte von Frauen, doch stets widersetzte sie sich ideologischem Denken. Gleichfalls im Jahre 1896 eröffnete sie in Rom eine Arztpraxis und begann zugleich, als Assistentin in der Psychiatrie mit schwachsinnigen Kindern zu arbeiten.
Hier erzielte sie ihre ersten bemerkenswerten Erfolge. Die völlig vernachlässigten Kinder blühten auf, als sich plötzlich jemand wirklich um sie kümmerte. Montessori entdeckte an ihrem Verhalten, dass sie durchaus spielfähig und lernwillig waren.
Sie fand heraus, dass schon Mitte des Jahrhunderts von den französischen Ärzten Itard und Séguin didaktisches Material für Sinnesübungen bei schwachsinnigen Kindern entwickelt worden war. Flugs baute sie diese Materialen aus und erzielte bei „ihren“ Kindern sensationelle Erfolge. Überliefert ist, dass die Kinder mit dem Material die gleichen Leistungsstandards in den Kulturtechniken erlangten wie normalbegabte Kinder auf öffentlichen Schulen.
Montessori begnügte sich jedoch nicht damit, ihr Verfahren nur im psychiatrischen und heilpädagogischen Bereich anzuwenden. Wenn schon geistig behinderte Kinder derartige Erfolge erzielten, wie müssten dann erst „normalbegabte“ Schüler darauf ansprechen? Im Jahre 1907 wurde Montessori im Zuge der Sanierung eines römischen Elendsviertels damit beauftragt, etwas für die Kinder zu tun. Ein „Kinderhaus“ wurde eröffnet, in dem die jungen Bewohner des Viertels mit dem Material Montessoris umgehen konnten. Auch hier waren die Erfolge sensationell. Montessoris Methode wurde schnell weltweit bekannt. Um 1910 gab es bereits so etwas wie eine Montessori-Bewegung in den USA. Und in weiteren europäischen Großstädten wurden Kinderhäuser eröffnet.
Eine Pädagogik also, die aus der Praxis entstanden ist? Montessorianer vertreten gerne diese These. Sie erscheint auch als schlüssig, wenn man sich diesen Entwicklungsweg vergegenwärtigt. Der Montessori-Experte Winfried Böhm weist jedoch darauf hin, wie wenig eigene pädagogische Arbeit mit den Kindern Montessori tatsächlich geleistet hat. In „ihrem“ Kinderhaus war sie mehr oder weniger sporadisch zugegen gewesen und hat nie kontinuierlich als Erzieherin oder Lehrerin gearbeitet. Lange vor der Eröffnung des Kinderhauses hat sie sich dagegen an der Römischen Universität für Pädagogische Anthropologie habilitiert. Ihr eigenes Kind gab sie aufs Land, um die Laufbahn als Universitätsprofessorin nicht zu gefährden.
Die Materialien für die Kinderhausarbeit entstammen Lehrbüchern, die älter sind als Montessori selbst.

Was ist das also eigentlich für eine Pädagogik (Montessoripädagogik), die in ihrem Ursprung auf den zweiten Blick hin gar nicht mehr so eindeutig festlegbar scheint?

Montessori selbst greift in ihren Schriften und Erklärungen immer wieder auf ein und dasselbe Beispiel zurück, auf einen „Praxissplitter“, der ihr dazu dient, den von ihr gedachten theoretischen Hintergrund zu veranschaulichen:
Ein dreijähriges Mädchen schüttet vor Montessoris Augen die Holzzylinder aus und setzt sie unter angespannter Aufmerksamkeit wieder zurück in das dafür vorgesehene Steckbrett.
Angeblich 40mal wiederholt es dies (die Zahlenangaben schwanken von Erzählung zu Erzählung), auch als Montessori das Kind samt Stuhl auf einen Tisch hebt. Anschließend wirkt das Kind erleichtert, wie aus einem Schlaf erwacht, erholt und froh.
Als „Montessori-Phänomen“ ist diese Geschichte in die Literatur eingegangen, von der „Entdeckerin“ selbst als „Polarisation der Aufmerksamkeit“ bezeichnet. Ihre Schlussfolgerung zieht sie selbst so:
„Mit absoluter Deutlichkeit kam mir die Idee, dass Ordnung, geistige Entwicklung, intellektuelles und Gefühlsleben ihren Ursprung in dieser geheimnisvollen und verborgenen Quelle haben müssen. Und seither habe ich alles mir zu Gebote Stehende getan, um experimentell die Gegenstände zu ermitteln, die diese Konzentration ermöglichen. Und ich studierte mit großer Sorgfalt, wie jene Umgebung herzustellen sei, die die günstigsten äußeren Bedingungen enthielte, um diese Konzentration zu wecken.“

Eine Beobachtung also, die zu einer „Idee“ führte, zu einer Ahnung von einer „geheimnisvollen und verborgenen Quelle“, aus der sich im Kinde Kräfte entfalten. Montessori wird wegen solcher als unwissenschaftlich geltenden Grundannahmen zuweilen gescholten. Doch was sie da vertritt, ist eine Spielart blühender Reformpädagogik, die auch von anderen Verfechtern zunächst einmal nicht besser, bzw. „wissenschaftlicher“ eingeführt wird. Peinlich wirkt viel eher, wenn Montessori mit dem ihr eigenen Selbstbewusstsein wiederholt behauptet, ihre Methode sei eine rein wissenschaftliche Pädagogik auf naturwissenschaftlicher Grundlage, positive Wissenschaft mit den Kinderhäusern als „Laboratorien“ der Humanwissenschaften, noch peinlicher, wenn sie hier den „Schlüssel zu allen Erziehungsproblemen“ gefunden und das „Problem der Erziehung vollkommen gelöst“ haben will.
Zentrale Grundannahme Montessoris ist die Existenz eines „immanenten Bauplans“, der das Heranwachsen des jungen Menschen ordnet. Was für eine Person ein Mensch wird, ist weitgehend durch biologische Faktoren vorherbestimmt. Die Umwelt, und damit auch die Erziehung, sieht sie ohne Zweifel als einen nachgeordneten Faktor. Die Erziehung könne dem Menschen helfen, ihn zu vervollkommnen, aber sie kann die in ihm angelegte Persönlichkeit nicht grundlegend verändern.
Die Kraft, die so im Inneren des Menschen wirkt, bedarf jedoch der freien Entfaltungsmöglichkeit. Und hier liegt die Aufgabe der Erziehung. Ihr vornehmstes Ziel ist es, mögliche Hemmnisse der kindlichen Entwicklung aus dem Weg zu räumen. Die Lebensenergien, die Menschen aufzubauen vermögen, bedürfen der Freisetzung, der Initiierung. Montessoris gesamtes pädagogisches Denken geht von dieser Überzeugung aus, und so entwickelt sich ihre Methode auch von dieser Prämisse her.

Anders als etwa in der Biologie oder der Psychologie weisen pädagogische Theorien jedoch stets Ziele oder Normen auf, Aussagen darüber, was gut und richtig sei und was nicht. Hier liegt ein Schwachpunkt in Montessoris Denken, das doch sehr stark biologisch und psychologisch geprägt ist. Der Pädagoge entnimmt seine Ziele und Nonnen den Entwicklungsgesetzen des Kindes selbst - was diesen entspricht, ist „gut“. Die Entwicklungsgesetze, der „Bauplan“ des Menschen nämlich sei göttlichen Ursprungs:
„Wenn man die Gesetze der Entwicklung des Kindes entdeckt, so entdeckt man den Geist und die Weisheit Gottes, der im Kind wirkt“.
Gott hat so nicht nur einen Bauplan für das einzelne Individuum aufgestellt, seine Entwicklungsgesetze haben zugleich, in der Sprache Montessoris, „kosmische“ Bedeutung:
Auch das Zusammenwirken aller Menschen und allen Lebens richtet sich nach einer göttlichen Weltordnung. Um diese zu erhalten bzw. herzustellen, ist es erforderlich, dass gerade die Kinder entlang den göttlichen Vorgaben aufwachsen können. Die Erzieher müssen die Normen ihres Handelns so aus der Natur des Kindes und seiner Entwicklungsvorgänge gewinnen.
Wenn aber die Umgebung des Kindes eigentlich zweitrangig hinter seinen Entwicklungsgesetzen zurücksteht, warum ist sie dann für das Erziehungsgeschehen so wichtig?

Für Montessori besteht die zentrale Arbeit des Kindes darin, sie geradezu in sich aufzunehmen oder, wie Montessori selbst immer sagt, sie zu „absorbieren“. Wenn solche Vorgänge qualitätsvoll möglich sind, helfen sie dem Kind, seine innere Entwicklung voranzutreiben:
Was nicht hilft, sind direkte Erziehungsmaßnahmen, die entgegenwirken, die man seit Hunderten von Jahren kennt.
Sie bringen etwa ein auffälliges Kind nicht zurück auf den der Natur gemäßen Gang der Entwicklung. Um das Kind zu „normalisieren“, wie Montessori stets sagt, muss man ihm eine „vorbereitete Umgebung“ bieten, die drei wesentliche Merkmale aufweist:

Die „Polarisation der Aufmerksamkeit“ bzw. die „Konzentration“ ist ein weiterer Schlüsselbegriff in Montessoris Denken.
Ein Kind, dem Konzentration möglich wird, vermag seine inneren Kräfte und Anlagen zu entfalten. Indem es frei und selbständig ein Arbeitsmaterial wählt, entscheidet es sich, und es wird aufmerksam. Es wird auf diese Weise längerfristig eine gute Arbeitshaltung und ein Gespür für seine Selbsterziehung finden; es wird „normalisiert“ sein, und die „vorbereitete Umgebung“ vor allem in Form des Materials wird ihm dabei geholfen haben.

Es ist dieser Gedankengang, der dem sogenannten „didaktischen Material“ innerhalb der Montessoripädagogik seine so überragende Bedeutung zuweist. Verfeinerungen und Weiterentwicklungen drehen sich darum auch bis heute fast ausschließlich um das Material. Es wird Neues erdacht, meist für höhere Altersstufen, da das Kindergartenmaterial als erstes und am differenziertesten entstanden ist.
Weitaus weniger Aufmerksamkeit gilt dagegen dem Pädagogen, dessen Rolle von Montessori arg zurechtgestutzt wird. Er ist kaum mehr als ein „Bindestrich“ zwischen dem Kind und dem Material, kein Schulmeister mehr, der Lehren verbreitet, der die Kinder direkt führt. Allenfalls berät er die Kinder bei der Auswahl von Materialien, hilft ihnen, wenn sie einmal nicht mehr weiter wissen oder konfus wirken. Der Wahlspruch, auf den der „neue“ Pädagoge hören soll, lautet:
„Hilf mir, es selbst zu tun.“

Bewertung aus pädagogischer Sicht

Auch die Montessori-Schulen bewähren sich seit längerem in der Praxis. Um Anmeldungen muss nicht geworben werden, und auch behördlicherseits vollzieht sich weitaus eher Kooperation als ein Ringen um Genehmigungen und sonstige Auseinandersetzungen. Viele Montessori-Schulen bestehen im Übrigen nicht als Schulen in freier Trägerschaft, sondern als öffentliche Schule mit einer modellhaften pädagogischen Ausrichtung. Das fördert von vornherein Kompromisse, glättet aber auch mögliche Reibungsflächen. Ob dabei ein pädagogisches Konzept die von Montessori geforderte innere Freiheit beizubehalten vermag, muss dahingestellt bleiben, weil dies von Schule zu Schule unterschiedlich ist.

Vorteile der Montessoripädagogik

Das Werk der didaktischen Materialien

Es stellt in der Tat ein epochemachendes und bis heute eines der großartigsten pädagogischen Lehrmittel der Erziehungsgeschichte dar. Die Prinzipien, nach denen die Materialien konzipiert sind, legen eine beständigere Fortentwicklung nahe, die Möglichkeiten scheinen fast unerschöpflich. Im Übrigen zeigt sich die Konzeption des Materials als schlüssig eingebunden in ein vollständiges pädagogisches Denkgebäude, in dem sein Einsatz auch einen weiterführenden, geistigen Sinn gewinnt.

Die Selbsttätigkeit des Kindes

Sie erscheint fast allen Pädagogen als Königsweg sinnvoller Lern- und Erziehungsarbeit. In der Montessoripädagogik konnten praktisch alle Voraussetzungen dazu geschaffen werden, dass solche Selbsttätigkeit in nützlichen und durchdachten Bahnen verläuft, dass das Kind in angemessener Weise motiviert, gefordert und befriedigt wird. Das selbsttätige Kind bleibt hier kein illusionistischer oder ideologischer Wunsch. Das Kind arbeitet dabei regelrecht, und es lernt ganz konkrete Dinge.

Die Achtung vor der Natürlichkeit des Kindes und den ihm innewohnenden Kräften und Fähigkeiten

Diese reformpädagogische Denkfıgur betont auch Maria Montessori. Sie bezieht daraus zentrale Elemente ihres Konzepts, wie das des selbsttätigen Kindes, der zurückhaltenden Rolle des Pädagogen, der Vermeidung von Kampfsituationen. So schlägt sie auch hier eine ungemein schlüssige Brücke von der Idee zur Erziehungspraxis. In Montessori-Einrichtungen bleiben solche Programmaussagen nicht leere Versprechungen. Es ist klar fassbar und verständlich, in welcher Weise sich diese Haltungen verwirklichen.

Die Integration von Behinderten

Montessoris Pädagogik, die aus der Befassung mit kranken und behinderten Kindern geboren wurde, hat hier Schrittmacherdienste geleistet. Modelle, wie die Münchener Aktion Sonnenschein des Mediziners Hellbrügge, haben die diesbezüglichen Diskussionen und Entwicklungen in der Bundesrepublik geprägt. Eltern gesunder wie kranker Kinder können Montessori-Einrichtungen in dieser Hinsicht zuallererst und besten Gewissens trauen.

Die Friedenserziehung

Diese heute zuweilen überstrapazierte Idee wurde schon von Montessori in ihren zentralen Strukturen zu Grunde gelegt. Ihre Überlegungen dazu scheinen heute manchmal realistischer und in ihren Grundzügen eher das Wesentliche erfassend als manche heutige aus der Aktualität geborenen Ansätze. Für heutige Pädagogen bieten sich auf der Grundlage der Montessori-Arbeit diverse Chancen, Friedensarbeit sinnvoll zu leisten.

Der Handlungsbezug

Er ist, vor allem durch die didaktischen Materialien, fast immer voll gegeben. Das Kind lernt, indem es tut. Ob es mathematische Operationen oder Grammatik sind, die Kinder lernen anhand der Materialien im wahrsten Sinne des Wortes durch ein Begreifen, durch Handhaben, Anordnen usw.

Die Tauglichkeit für Regelschulen

Man muss nicht gleich ein komplettes Schulmodell auf die Beine stellen, um wesentliche Prinzipien der Montessoripädagogik zu verwirklichen. Eine Einführung, etwa an Regelschulen, kann klassen- oder stufenweise, also mit dem Modus einer vorsichtigen Erprobung erfolgen.

Die Ausbildung von Montessori-Pädagogen

Es gibt Aus- bzw. Fortbildungslehrgänge, bei welchen Pädagogen ein „Montessori-Diplom“ erwerben können. Mit solchen Formalitäten bemüht man sich durchaus um einen hohen Qualitätsstandard einer sich so nennenden Pädagogik. Man will Pädagogen vergleichbare Fertigkeiten vermitteln und sich auch um die ständige Fortbildung von bereits tätigen Montessori-Pädagogen kümmern.