Anthroposophie - Vom anthroposophischen Leben

Anthroposophie

Ein solches ist möglich. Von der Geburt bis zum Tod kann man heute in Deutschland nach den von Steiner vertretenen Grundsätzen leben. Vieles, das die Anthroposophen dabei seit Jahr und Tag vertreten, gelangt erst heute, durch die antiautoritative und Alternativbewegung, zu einer Geltung, die ihm seit langem gebührt und dessen jetzige Wiederentdeckung und plötzliche Popularität als „Alternative“ der Komik nicht entbehrt.

Die Anthroposophie stellt so heute für viele Menschen in Deutschland eine praktische Lebensform dar.

Ernährung, medizinische Versorgung, kulturelle Orientierung, gegebenenfalls Erziehung - vieles davon ist unbedingt sinnvoll, und es riecht auch nicht nach einer kurzfristigen Modeerscheinung. Was abschreckt, ist die Aura einer verschrobenen Heilslehre, die doch zuweilen von den einschlägigen Hauptpostillen oder auch manchmal von einzelnen Vertretern ausgeht. Es gibt Anthroposophen, die ihre Lehre so distanzlos vertreten, dass sie auf Kritik fast schon überheblich reagieren und die keine Einwände zulassen können, die das in sich geschlossene Denkgebäude infrage stellen.

Solches aber muss Interessenten an der Waldorfpädagogik nicht fernhalten. In den meisten Lehrern findet man verständige Gesprächspartner, die ihre Position auch relativieren können und die den Problemen, die Eltern mit ihren Kindern haben können, sehr aufgeschlossen und hilfsbereit gegenüberstehen.

Man muss keinesfalls selbst in den Zirkel der „Geheimwissenschaftler“ eintreten, und man befindet sich unter den Eltern von Waldorfschülern durchaus dann bei der Mehrheit, wenn man die unmittelbar einsichtigen Vorzuge der Schule ohne eine grundlegende Umstellung des eigenen Lebens und der familiären Gepflogenheiten in Anspruch nehmen will.

Die Waldorfpädagogik - eine Pädagogik vom Kinde aus

Die Waldorfpädagogik gründet auf der Weltanschauungslehre Rudolf Steiners und so auf einer sehr weitreichenden Lehre vom Menschen, die philosophische und gegenüber einer lediglich rational bestimmten Daseinserfassung mystisch erscheinende Elemente beinhaltet. Sie kann so nicht unmittelbar als eine direkt aus dem reformpädagogischen Verständnis vom Kind-Sein hervorgegangene Erziehungslehre begriffen werden.

Kiersch, einer der profiliertesten, in der Waldorflehrerausbildung tätigen Anthroposophen, geht sogar so weit, diese Verwandtschaft als nur äußerlich zu bezeichnen.

Das Grundanliegen der Reformpädagogik, einer Pädagogik, die vom Kinde ausgeht, stellt jedoch einen zentralen Orientierungspunkt dar. Auch Steiner will den jungen Menschen nicht für den Staat, die Gesellschaft und ihre Normengefüge formen.

Auch er will sich ausschließlich an dem orientieren, was im Menschen an Entwicklungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten vorgezeichnet ist. Er lehnt eine Erziehung ab, die beschleunigen will und so, wegen der fehlenden Altersgemäßheit, Dressurleistungen an den Kindern verübt.

Hier setzt nun Steiners „Anthroposophie“ ein. „Anthropologie“ nennt man im Bereich der konventionellen Wissenschaft die Lehre vom Menschen. Steiner will sich davon betont absetzen. Anthroposophie ist für ihn eine Weisheit vom Menschen, die stark philosophisch und auch metaphysisch ausgerichtet ist, eine „Geheimwissenschaft“, wie er selbst artikulierte. Sie ist „ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall fuhren möchte“, so definiert Steiner selbst.

Der Mensch kann durch Meditation ein materiell nicht erfassbares Geistiges in sich, den Dingen der Welt und auch in seiner Auseinandersetzung mit diesen Dingen erfassen. Dazu bedarf es der Sinnesschulung und der meditativen Selbsterziehung.

Waldorflehrer bemühen sich individuell als Erwachsene um den anthroposophischen Schulungsweg als Weg zu neuer seelischer Erfahrung. Von daher erklärt sich ihr besonderes Interesse an Übungen der sinnlichen Erfahrungsfähigkeit auch für Kinder. Sie übersehen aber nicht, dass anthroposophische Meditationsübungen natürlich für Kinder nicht gemeint sind. Ihre sachgemäße Anwendung setzt die freie Urteilsfähigkeit des Erwachsenen voraus. Die Waldorfpädagogik ist so nur vor dem Hintergrund solcher möglichen transzendentalen Wahrnehmung zu sehen. Sie „lehrt“ sie nicht eigentlich, aber sie versucht, die Erfahrungsfähigkeit der Kinder zu weiten und begreift die kindliche Entwicklung aus dieser Perspektive.

Das Bild, das Steiner so vom heranwachsenden Menschen zeichnet, ist gleichermaßen faszinierend und befremdlich. Sicher klang es auch in diesem Text bereits an. Der Leser ist erstaunt und stutzt ob diverser Behauptungen, wie Kinder in diesem oder jenem Alter sind, was sie benötigen, was in ihnen vorgeht - und zugleich spürt man mit einer gewissen Bewunderung, dass hier Pädagogen sind, die sich in einer sonst kaum anzutreffenden Gründlichkeit Gedanken über das Wesen von Kindern und Jugendlichen machen. Über das wirklich Wesentliche, wenn es um Vorgänge des Verstehens, Fühlens, Wahrnehmens, Agierens, Lernens und Sich-Mitteilens geht. Ein wenig Grundwissen darüber, ich sagte es schon, verlangen die Anthroposophen auch von den Eltern. Das hat seine Berechtigung, denn der tiefere Sinn und das eigentlich Faszinierende der Waldorfpädagogik erschließt sich tatsächlich erst dann.

Individualisierung und Wissen durch Anthroposophie

Individualisierung heißt in Waldorfschulen nicht, dass einfach Schüler unterschiedlicher Leistungsfähigkeit oder Interessen in verschiedene Leistungs- bzw. Wahlkurse sortiert werden. Als das Individuelle im Kind sehen Waldorfpädagogen zum Beispiel, inwieweit es sich von einem Inhalt, einem Erlebnis nur beeindrucken, ja überwältigen lässt, oder inwieweit es eine innere Distanz, eine eigene, differenzierte Stellung dazu beziehen kann. In der Sprache der Anthroposophen heißt das „Ich-hafte Durchdringung“. Sie zu fördern ist das Ziel, zudem es keiner äußeren Differenzierung bedarf.

Damit einher geht ein anderes Verhältnis zum Wissen. Waldorfpädagogen sehen es nicht als Bildungsgut, Wissen als etwas, das einen - ansonsten nutzlosen - Eigenwert besitzt. Misstrauisch sind sie gegenüber einem wissenschaftsorientierten Lernen oder gegenüber einem Lernen, das einfach davon ausgeht, wenn man etwas gelernt oder begriffen hat, dann verhält man sich auch entsprechend. Wissen hat bei ihnen sehr viel damit zu tun, welcher Inhalt den einzelnen Heranwachsenden betroffen macht, in ihm den Willen weckt, mehr zu erfahren, inwieweit ein Thema seinen Lebensfragen begegnet, mit seinem Charakter zusammenhängt und ihn möglicherweise weiterentwickelt.

Das Wissen soll „ein Katalysator von Lebenszusammenhängen sein“, das auch Gefühle weckt und Motive belebt. Aus diesen Gründen haben die Waldorfschüler mit zunehmendem Alter mehr die Wahl, mit welchen Inhalten sie sich befassen wollen. Etwa zu welchem Thema sie eine Jahresarbeit anfertigen wollen, etwa in den künstlerischen Fächern, z. B. bei den Motiven ihrer Arbeiten, etwa bei der Auswahl der Klassenspiele, etwa im Sprachunterricht zwischen Latein und Englisch und andere Möglichkeiten mehr.

Eurythmie

Das ist ein Fach bzw. eine Kunstform, die es außer bei Anthroposophen nirgendwo auf der Welt gibt. Steiner entwickelte sie zuerst 1912 als Kunsteurythmie: Worte, Sprache, Töne und Musik werden durch den menschlichen Körper in Bewegung umgesetzt. Es ist nicht eigentlich ein „Tanz“, den die Ausführenden gestalten. Vielmehr geht es darum, das Gefühlshafte, die Tendenz zur Bewegung, die Gestik, Mimik, die insgesamt der Körpersprache innewohnt, die Gefühle und die von ihnen hervorgerufenen Bewegungsimpulse, die aus Sprache und Musik hervorgehen, dies alles meist als Gruppe in einen kunstvoll durchformten Bewegungsablauf fließen zu lassen.

Die pädagogische Eurythmie (es gibt als dritte Spielart noch die Heileurythmie) beginnt damit naturgemäß klein und will vor allem die Ausdrucks- und Bewegungsfähigkeit der Kinder fördern. Das geschieht mit eher spielerischen Übungen, deren Schwierigkeitsgrad sich steigert, was Körperbeherrschung, Gestaltungsformen und Kooperation mit den anderen betrifft.

Nach einer Phase in der Pubertät, während der die Jugendlichen nur schwer zur Weiterführung eurythmischer Übungen zu motivieren sind, kommt es in den oberen Klassen zu künstlerisch orientierten, ausdrucksstarken Werkinterpretationen.